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Lastgangmessung in 15-Minuten-Intervallen: Verbrauchsprofil als Grundlage für Energieoptimierung
Energiemanagement

Lastgangmessung: Wo Stromkosten wirklich entstehen

Lastgangmessung in der Praxis: RLM ab 100.000 kWh, Lastspitzen pro Branche, Smart Meter, KNX-Energiemodul, Lastmanagement und PV-Speicher als Spitzenkappung.

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Tobias Dietrich
5. Januar 2024
10 Min.

Eine Bäckerei in Schwetzingen ruft an, weil die Stromrechnung im letzten Quartal um knapp 30 Prozent gestiegen ist — bei nahezu identischer Produktionsmenge. Erste Vermutung: höhere Strompreise. Tatsächlich ist die Ursache: Backofen, Kühlhaus-Verdichter und Klimaanlage liefen vier Wochen lang gleichzeitig kurz vor Ladenöffnung an. Eine Lastspitze um 6:50 Uhr, jeden Werktag. Bei einem Leistungspreis-Tarif wird daraus ein vierstelliger Aufschlag im Jahr, ohne dass auch nur eine Kilowattstunde mehr verbraucht wurde.

Solche Fälle sind der Grund, warum wir Lastgangmessung als Standard-Werkzeug für Gewerbe und größere Wohnobjekte einsetzen. Stromverbrauch ist nicht gleich Stromkosten — der Anteil aus Leistungspreis, Netzentgelten und Tarifstruktur kann je nach Profil deutlich höher sein als der reine Arbeitspreis. Ohne Messung tappt man im Dunkeln. Mit Messung wird sichtbar, wo die Anlage wirklich kostet und welche technische Maßnahme den größten Hebel hat.


Was ist eine Lastgangmessung — und wann ist sie Pflicht?

Eine Lastgangmessung erfasst den Stromverbrauch in 15-Minuten-Intervallen über einen längeren Zeitraum und gibt das Profil als kontinuierliche Leistungskurve aus. Aus der Spitze, dem Mittelwert und der zeitlichen Verteilung lassen sich Lastmanagement-Potenziale, Tarif-Eignung und Auslegungsfragen für PV oder Speicher ableiten.

VerbrauchsklasseMessformTarif-Logik
bis 100.000 kWh/JahrSLP (Standardlastprofil)Pauschal nach Hochrechnung, kein Leistungspreis
ab 100.000 kWh/JahrRLM (registrierende Leistungsmessung) — PflichtArbeits- + Leistungspreis (Höchstlast 15-Min-Wert)
freiwillig ab 50.000 kWhRLM-light über iMSys oder SubmeterOptimierung vor Pflichtmessung
<50.000 kWh, gezieltTemporäre Messung (4–8 Wochen)Analyse-Werkzeug, keine Tarifänderung

RLM — die Pflicht ab 100.000 kWh

Der Netzbetreiber baut bei dieser Schwelle automatisch einen RLM-Zähler ein. Ab dann gilt ein Sondertarif: Arbeitspreis pro kWh plus Leistungspreis pro kW Höchstlast (gerechnet aus dem höchsten 15-Minuten-Mittelwert im Abrechnungszeitraum, meist monatlich oder jährlich). Wer eine Spitze von 120 kW im Februar produziert, zahlt diese 120 kW oft das gesamte Jahr durch. Die Spitze nach unten zu drücken — auch nur um 10 kW — kann mehrere Tausend EUR Leistungspreis-Reduktion pro Jahr bedeuten.

Temporäre Messung bei Standardlastprofil

Auch ohne Pflichtmessung lohnt eine temporäre Lastgangmessung: Wir installieren einen Submeter mit 1-Minuten-Auflösung am Hauptstromzähler oder gezielt an einzelnen Abgängen, lesen 4–8 Wochen aus, und werten Profil und Spitzen aus. Das deckt bei jedem zweiten Gewerbekunden Einsparpotenziale auf, die ohne Daten nie sichtbar geworden wären.


Typische Lastspitzen pro Branche

Die Spitzen entstehen branchenspezifisch fast immer an denselben Stellen. Wer das Profil seiner Branche kennt, weiß ungefähr, wo gemessen werden muss — die konkrete Messung deckt dann Details auf.

BrancheHauptverursacher LastspitzenTypische Spitzenzeiten
Bäckerei / KonditoreiBacköfen, Kühlhaus-Anlaufstrom, Klima04:00–07:00, vor Ladenöffnung
Arztpraxis / ZahnarztpraxisSterilisator, Röntgen, Klima, Beleuchtung07:30–08:30, Praxisstart
KFZ-/MaschinenwerkstattDrucklufterzeugung, Schweißgerät, Hebebühne07:00–08:00 + Mittag
Restaurant / GastroGeschirrspüler-Anlauf, Kühltheken, Klima10:00–11:30 + 18:00–19:00
BürogebäudeKlimaanlage, IT-Hochfahren, Aufzug08:00–09:00
Einzelhandel mit KühlungKühlmöbel-Tagphase, Klima09:00–11:00 + Wechsel Wärme
ProduktionsbetriebMaschinen-Anfahrt, DrucklufterzeugerSchichtbeginn

Ein konkretes Beispiel: Die Bäckerei aus der Einleitung schaltete fünf Werkstatt-Türen auf Anlauf gleichzeitig. Die Backofen-Aufheizphase überlappte mit dem Verdichter des Kühlhauses, der typischerweise im Wechselbetrieb läuft, und der Klimaanlage, die nach der Nacht aufholte. Drei verschobene Einschaltzeiten — Backofen 5:30, Kühlhaus 6:10, Klima 6:40 — reduzierten die Spitze um 28 Prozent. Keine neue Maschine, kein neuer Tarif, nur ein angepasstes Zeitfenster.


Messmethoden — vom Smart Meter zum KNX-Energieaktor

Die Spannweite reicht vom einfachen iMSys-Datenexport bis zur kontinuierlichen 1-sec-Auflösung pro Stromkreis. Welche Lösung sinnvoll ist, hängt am Ziel: Einmalige Optimierung, dauerhaftes Monitoring oder vollautomatisches Lastmanagement.

Methode 1 — Smart Meter (intelligentes Messsystem)

Seit dem Smart-Meter-Rollout 2023/2024 haben immer mehr Gewerbeanschlüsse ein iMSys mit Smart Meter Gateway. Das liefert 15-Minuten-Werte über die HAN-Schnittstelle (Heim-Area-Netzwerk) zum Kunden — kostenfrei, ohne zusätzlichen Aufbau. Auswertesoftware wie enerthing, discovergy, Smart-Me oder Eigenbau mit Volkszähler liest aus und visualisiert. Reicht für Erstanalyse und Pflicht-Monitoring.

Methode 2 — Temporäre Messklemme

Für gezielte Analyse setzen wir Stromzangen-Logger der Marken Janitza oder Fluke für 4–8 Wochen an Hauptverteilung oder einzelnen Abgängen. Vorteil: 1-Sekunden-Auflösung, höchste Genauigkeit, keine Eingriffe ins Bestandssystem. Nach der Messung wird das Gerät wieder entfernt, die Auswertung erstellt.

Methode 3 — KNX-Energie-Aktor (dauerhaft)

Wo eine permanente Datenbasis sinnvoll ist — etwa in Verbindung mit PV, Speicher und Wallbox — werden direkt KNX-Energie-Messaktoren in den Verteiler eingebaut. Geräte wie der MDT AMI-0816.03 (8-fach, Energiezähler-Aktor), ABB SE/S 3.16.1 oder der Lingg & Janke ENERGI 31E messen pro Stromkreis Wirk-/Blindleistung, Energie, Spannung, Stromstärke und schicken die Daten in Echtzeit auf den Bus. Damit ist nicht nur Auswertung, sondern echtes Lastmanagement möglich.

Methode 4 — Eigenes Energiemanagement-System (EMS)

Bei Anlagen mit mehreren steuerbaren Verbrauchern (Wärmepumpe + Wallbox + Speicher + PV) macht ein dediziertes EMS Sinn. openWB, EVCC, SMA Sunny Home Manager, Solaredge Energy Hub, Fronius GEN24 Plus mit Smart-Meter-Integration — sie alle lesen Lastgang, vergleichen mit PV-Erzeugung und Tarifsignalen und steuern Verbraucher entsprechend. Die Auswertung kommt als Nebenprodukt mit.


Lastspitzen-Glättung — die wirtschaftlich relevante Maßnahme

Wer einen RLM-Tarif fährt, hat einen direkten Hebel: Spitze runter, Leistungspreis runter. Eine Reduktion von 15 kW im Jahresmaximum spart bei einem typischen Leistungspreis von 80–120 EUR pro kW und Jahr zwischen 1.200 und 1.800 EUR. Dauerhaft. Ohne dass eine Kilowattstunde weniger verbraucht wird.

Glättung durch Zeitverschiebung

Die einfachste Form: Verbraucher zeitlich entzerren. In der oben genannten Bäckerei reichten Schaltuhren plus eine kleine SPS-Logik. In komplexeren Fällen übernimmt das ein Lastmanagement-System, das in Echtzeit die aktuelle Last misst und Verbraucher abschaltet oder dimmt, wenn die Spitze droht.

Glättung durch Lastmanagement-Hardware

Bei modernen Werkstätten und Praxen setzen wir oft eine Kombination aus KNX-Energieaktor + Schaltaktor für unkritische Verbraucher ein. Die Logik:

  • Echtzeit-Lastmessung am Hauptzähler (15-Min-rollierender Mittelwert)
  • Schwellwert auf 90 Prozent der vereinbarten Maximallast
  • Lastabwurf-Priorisierung: Klima Stufe 1 → Klima Stufe 2 → Warmwasser-Boiler → unkritische Maschinen
  • Reaktionszeit unter 30 Sekunden, damit das 15-Minuten-Mittel nicht durchschlägt

Solche Anlagen sind keine Wissenschaft, sondern saubere Elektroinstallation plus Logikbaustein. Wir bauen sie regelmäßig in Werkstätten zwischen Heidelberg und Mannheim.

Glättung durch PV und Speicher

Der wirtschaftliche Königsweg, wenn Dachfläche vorhanden ist: PV reduziert den Bezug in den Spitzenzeiten passiv (mittags durch Eigenverzeugung), der Speicher schiebt Energie aktiv in die Bezugsspitzen am Morgen und Abend. Bei einer Bäckerei mit Spitze um 6 Uhr morgens liefert der Speicher 30–60 kWh an Tagesbeginn — der Bezug fällt entsprechend. Das funktioniert nur, wenn der Speicher entladungs-priorisiert ist (Lastmanagement-Logik vor Modus “Eigenverbrauch maximieren”).


Anbindung an §14a EnWG

Steuerbare Verbrauchseinrichtungen über 4,2 kW — Wallbox, Wärmepumpe, Klima, Heimspeicher — sind seit 2024 grundsätzlich vom Netzbetreiber drosselbar. Aus Sicht der Lastgangmessung ist das ein zusätzlicher Datenpunkt: Die Steuerbox kann den Lastgang im Eingriffsfall verändern, und ein Modul-3-Tarif macht den Lastgang sogar wirtschaftlich messbar (Hochtarif vs. Niedertarif).

Eine sinnvolle Vorgehensweise: Vor der Wahl des §14a-Moduls eine 8-wöchige Lastgangmessung der vorhandenen SVE durchführen. Die Daten zeigen, ob Modul 1 (Pauschal), Modul 2 (Prozentual) oder Modul 3 (Zeitvariabel) wirtschaftlich ist. Wer ohne Messung das Modul wählt, entscheidet aus dem Bauchgefühl — bei einer Wärmepumpe mit 4.500 kWh Jahresverbrauch kann das mehrere Hundert EUR pro Jahr kosten. Details zu den Modulen im Beitrag EnWG §14a — Steuerbare Verbrauchseinrichtungen.


Beispiel-Berechnung — die Mechanik ohne EUR-Beträge

Ein Produktionsbetrieb mit 280.000 kWh Jahresverbrauch und einer Höchstlast von 150 kW. RLM-Tarif. Arbeitspreis-Anteil ca. 60 Prozent, Leistungspreis-Anteil ca. 25 Prozent, Rest aus Steuern, Umlagen, Netzentgelten.

Vor Optimierung

  • Lastspitze morgens 06:45 durch Anlauf aller Anlagen gleichzeitig: 150 kW
  • Tagsüber pendelnde Last zwischen 60 und 100 kW
  • Nacht-Grundlast 18 kW (Kühlung, Druckluft-Standby, IT)

Nach Optimierung mit Lastmanagement + zeitversetztem Anfahren

  • Spitze auf 122 kW reduziert (–19 Prozent)
  • Tagesprofil glatter, Mittelwert leicht gestiegen (mehr in günstige Zeitfenster verschoben)
  • Nacht-Grundlast auf 14 kW reduziert (Druckluft-Standby konsequent abgeschaltet)

Wirtschaftlich relevant ist die Spitze: 28 kW weniger im Jahresmaximum schlagen auf den Leistungspreis direkt durch. Der Arbeitspreis bleibt fast unverändert, weil die Energie ja immer noch verbraucht wird — nur eben zeitlich anders. Die Investition für Messung, Logikaktoren, Programmierung lag im niedrigen vierstelligen Bereich, die Amortisation liegt im ersten Jahr.


Häufige Fehler bei Lastgangmessung

Zu kurze Messdauer. Eine Woche misst eine Woche — keine Saisonalität, keine Lastwechsel. Bei Gewerbe mindestens 4 Wochen, bei Produktion ein voller Auftragszyklus oder Saisonpeak.

Falscher Messpunkt. Die Messung am Hausanschluss zeigt nur die Summe. Wer wissen will, welche Maschine die Spitze verursacht, muss am Stromkreis-Abgang messen oder Submeter pro Bereich setzen. Sonst wird optimiert ohne zu wissen, wo.

Auswertung ohne Tarif-Kontext. Eine schöne 15-Minuten-Kurve ist nichts wert, wenn der Tarif nicht bekannt ist. Erst die Multiplikation aus Lastgang und Tarif (Hochtarif/Niedertarif-Zeiten, Leistungspreis, Arbeitspreis) zeigt das wirtschaftliche Bild.

Lastmanagement ohne Notlogik. Wer kritische Verbraucher (Sterilisator, OP-Beleuchtung, Kühlhaus, Produktion) ins Lastmanagement nimmt, ohne Notlauf-Logik zu definieren, fährt eine Anlage gegen die Wand. Lastabwurf braucht Priorisierung und Notfallausnahmen — Sterilisator wird nicht abgeworfen, weil grad die Wallbox lädt.

Einmal gemessen, nie wieder. Profile ändern sich. Neue Maschinen, andere Schichtmodelle, geänderte Tarife — eine Lastgang-Analyse von vor drei Jahren ist eine Momentaufnahme, kein Dauerwert. Für RLM-Kunden lohnt ein jährlicher Check.


Fazit

Lastgangmessung ist das Werkzeug, das Stromkosten von Vermutung auf Daten umstellt. Ob als Pflicht-RLM bei Verbrauch über 100.000 kWh, als temporäre Analyse bei kleineren Gewerben oder als kontinuierliche Messung über KNX-Energie-Aktoren — die Maßnahme zahlt sich fast immer aus. Hebel ist meistens nicht der Verbrauch insgesamt, sondern die Höchstlast: Eine gezielte Reduktion der 15-Minuten-Spitze trägt direkt in den Leistungspreis und damit in die jährliche Rechnung.

Wir messen, werten aus und bauen die Lastmanagement-Lösung, die zum Betrieb passt — von der temporären Stromzangen-Messung in einer Praxis bis zur dauerhaften KNX-basierten Anlage mit PV-Speicher-Anbindung. Wer eine Stromrechnung in der Hand hat und nicht weiß, wo das Geld wirklich hingeht: Kontakt oder direkt anrufen unter 06202 9530190.


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