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Brandschott an Kabeldurchfuehrung mit Hilti CP 611A — fachgerecht abgedichtet und dokumentiert
Praxistipps

Brandschotts: MLAR, LBO und MBO in der Praxis

Brandschott-Pflicht nach §40 MBO und MLAR 2015/2020: Was ein Schott können muss, wie dokumentiert wird und wie fremde Bestandsschotts qualifiziert werden.

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Tobias Dietrich
13. Mai 2026
11 Min.

Brände töten selten durch Flammen. Sie töten durch Rauch, der sich Minute für Minute durch Schächte und Wanddurchführungen schiebt, bis er in der Etage darüber im Schlafzimmer oder im Kinderzimmer ankommt — lange bevor jemand etwas vom Brand mitbekommt. Genau diese Schubladenwirkung verhindert ein Brandabschott: Es hält Rauch und Feuer in dem Raum, in dem sie entstanden sind.

Wir sind Elektriker. Wer in unseren Beruf hineinschaut, merkt schnell, wie unterschiedlich Betriebe an dieser Stelle arbeiten: Wand auf, Leitung rein, Loch zu mit Bauschaum — billig, schnell, im Brandfall fatal. Wir machen das anders. Dieser Artikel zeigt, was Bauherren, Bauleiter, TGA-Planer und Hausverwalter über Brandschotts wissen müssen: welche Regeln gelten, wie ein Schott aufgebaut sein muss, wer es einbauen darf, und was mit den Schotts geschieht, die schon im Bestand sind und keinen Pass haben.


Drei Regelwerke, ein Thema

RegelWas sie regelt
§40 MBOLeitungen durch klassifizierte Bauteile nur, wenn Brandausbreitung verhindert wird
LBO Baden-Württembergmacht MBO für jeden Bauantrag in BW rechtsverbindlich
MLAR (Fassung 2015/2020)technische Regel für Leitungsanlagen, Durchführungen, Funktionserhalt

Geprüft werden die Schott-Systeme nach DIN 4102 (national) oder DIN EN 1366-3 (europäisch). Welche Klasse das jeweilige System erreicht, steht im Verwendbarkeitsnachweis. Diese Details muss der Bauherr nicht im Kopf haben — der ausführende Betrieb schon.

Die Musterbauordnung formuliert in §40 den Grundsatz: Wer eine Leitung durch ein raumabschließendes Bauteil mit Feuerwiderstandsklasse führt, muss verhindern, dass sich ein Brand durch genau diese Öffnung ausbreitet. Die Vorkehrung dafür ist ein Schott. Die LBO Baden-Württemberg übernimmt diesen Grundsatz und macht ihn für jeden Bauantrag im Land verbindlich.

Die MLAR — Muster-Leitungsanlagen-Richtlinie — ist das technische Herzstück. Sie ist in der Fassung vom 10. Februar 2015, zuletzt geändert durch Beschluss der Fachkommission Bauaufsicht vom 3. September 2020. Über die Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen der Länder wird sie verbindlich. In Baden-Württemberg gilt sie damit unmittelbar.

Wichtig: Die MLAR regelt nicht nur Brandwände. Sie regelt auch Leitungen in Treppenräumen und Fluren — also Fluchtwegen — und den Funktionserhalt sicherheitstechnischer Leitungen im Brandfall (Brandmeldeanlagen, Sicherheitsbeleuchtung, Aufzugssteuerung). Das verdoppelt den Anwendungsbereich praktisch jedes größeren Bauprojekts.


Wann ist ein Schott überhaupt nötig?

Drei einfache Fragen reichen, um den Bedarf zu klären:

  1. Hat das Bauteil eine geforderte Feuerwiderstandsklasse? (EI30, EI60, EI90, EI120, REI60 etc.)
  2. Wird eine Leitung oder ein Rohr durch dieses Bauteil geführt?
  3. Ist die Durchführung größer als die Bagatellgrenzen der MLAR (Abschnitt 4.3)?

Wenn alle drei Fragen mit Ja beantwortet werden, muss die Öffnung mit einem geprüften Schott verschlossen werden. Punkt.

Wann reicht eine vereinfachte Verschluss-Lösung?

Die MLAR erlaubt für überschaubare Fälle einfachere Verschlüsse als ein geprüftes Schott. Typische Bagatellen:

  • Einzelne brennbare Rohre bis 32 mm Außendurchmesser
  • Einzelne nicht brennbare Rohre bis 160 mm (bei F90-Wand mit mindestens 80 mm Dicke)
  • Einzelne elektrische Leitungen ohne Bündelung

Sobald Rohre eng gepackt nebeneinander liegen oder Kabel gebündelt durchgehen, ist man wieder beim klassischen Schott. Welcher Fall vorliegt, klären wir vor Ort — nicht am Plan.

Die häufigsten Stellen im Alltag:

  • Geschossdecken zwischen Wohnungen, Büros, Praxen
  • Brandwände zwischen Gebäudeabschnitten
  • Trennwände zwischen Nutzungseinheiten (Mieter-zu-Mieter)
  • Schachtwände von Treppenhäusern und Aufzügen
  • Wände zu Technikräumen (Heizraum, Hausanschlussraum)

Wer in einem Mehrfamilienhaus, einer Arztpraxis oder einem Bürogebäude eine Verteilung erweitert, eine Datenleitung neu zieht oder einen Wickel-Heizleitungssatz nachrüstet, durchsticht in der Regel mindestens ein klassifiziertes Bauteil. Ohne Schott ist die Arbeit nicht abnahmefähig.


Was muss ein Schott können?

Ein Brandschott muss dieselbe Feuerwiderstandsklasse erreichen wie das Bauteil, durch das es geht. Eine EI90-Wand braucht ein EI90-Schott. Das klingt selbstverständlich, ist aber im Bestand häufig der Knackpunkt: Wer auf eine alte Brandwand stößt, deren Klasse nicht dokumentiert ist, muss erst die Klassifizierung sichern, bevor er ein Schott auswählen kann.

Drei Schott-Typen decken die typischen Fälle ab:

Kabelschott

Die klassische Disziplin: Eine Kabelbündel-Durchführung wird mit Brandschutzschaum, intumeszierender Dichtmasse oder Brandschutzmörtel verschlossen. Bei Hilti ist das je nach Aufbau CFS-F FX (flexibler Schaum), CP 611A (Dichtmasse) oder CP 636 (Mörtel). Bei größeren Öffnungen kommen beschichtete Mineralwollplatten wie CP 673 zum Einsatz — als Kombischott mit Kabel- und Rohrmischbelegung.

Rohrschott

Brennbare Rohre — typisch HT-Rohre der Sanitärinstallation — bekommen ab einem Außendurchmesser von 32 mm eine Brandschutzmanschette oder eine Brandschutz-Endlosmanschette wie CFS-C EL. Im Brandfall schäumt die Manschette auf, drückt das schmelzende Kunststoffrohr zusammen und verschließt die Öffnung.

Nicht brennbare Rohre (Stahl, Kupfer) mit brennbarer Dämmung brauchen eine Brandschutzbandage wie CFS-B. Die Bandage übernimmt die Aufgabe der Manschette für den Dämmstoff.

Kombischott

Sobald in derselben Öffnung Kabel und Rohre gleichzeitig durchgehen, wird das Schott komplex. Solche Kombischotts sind nur mit allgemein bauaufsichtlichem Prüfzeugnis (abP) oder Bauartgenehmigung (abG) zulässig — und nur durch entsprechend geschulte Monteure einbaubar. Bei Hilti ist das die Hilti Professional Schulung: rund 8 Stunden, abgeschlossene Bauartkenntnis vorausgesetzt, Bescheinigung ohne Verfallsdatum mit empfohlener Auffrischung im 3–5-Jahres-Rhythmus. Hilti meldet die geschulten Unternehmen einmal jährlich dem Deutschen Institut für Bautechnik (DIBt).


Verwendbarkeitsnachweis — der unsichtbare Teil

Ein Schott ist nur so viel wert wie sein Nachweis. Drei Begriffe begegnen einem im Schott-Pass:

  • abP — allgemein bauaufsichtliches Prüfzeugnis. Für Bauprodukte mit geregeltem Anwendungsbereich, häufig bei Abschottungen.
  • abZ / abG — allgemeine bauaufsichtliche Zulassung bzw. Bauartgenehmigung. Für Bauarten, die in der Bauregelliste nicht abgedeckt sind, oder für Kombischotts.
  • ETA — European Technical Assessment. Europäisches Pendant, bei CE-gekennzeichneten Produkten.

Welcher Nachweis greift, hängt vom System ab. Der wichtige Schritt ist: Beim Einbau wird der Nachweis aufgenommen und im Schott-Pass dokumentiert. Wer das nicht macht, hat im Schadensfall kein Argument gegen den Versicherer.


Der Schott-Pass — die Doku, die zählt

Ein Schott-Pass ist die Eintrittskarte für Bauabnahme, Bestandsdoku und Versicherungsfall. In der Praxis enthält er pro Schott:

  • Foto vor und nach Verschluss (entscheidend: was war drin, wie sieht es jetzt aus)
  • Maßangabe der Öffnung
  • System-Bezeichnung (z.B. „Hilti CP 611A nach abP P-3xxx/Material”)
  • Bauteil-Klasse (EI30, EI60, EI90, EI120)
  • Datum und Monteur (mit Hilti-Professional-Nachweis)
  • Lage im Bestandsplan, mit Raum- oder Achs-Bezeichnung

Bei größeren Objekten führen wir den Pass digital als PDF und übergeben am Ende eine Schott-Liste in Tabellenform — verknüpft mit Bestandsplänen, sodass der Hausverwalter oder Bauherr jederzeit weiß, wo welches Schott sitzt und welcher Nachweis dahinter steht.


Bestand: fremde Schotts qualifizieren — geht das?

Das ist die Frage, die am häufigsten kommt. Antwort: Bedingt ja.

Wer in einen Altbestand kommt — sei es als Ausführender bei einer Sanierung, als Bauleiter bei einer Aufstockung oder als Hausverwalter bei der DGUV-V3-Prüfungs-Runde — findet oft eine Mischung aus alten Schotts ohne Doku, halbfertigen Verschlüssen aus Bauzeiten und „kreativen” Lösungen mit Bauschaum oder Lehm. Drei Wege:

Weg 1 — Bestandsaufnahme mit Bewertung

Wir begehen das Objekt, fotografieren jedes Schott, ordnen es einem Bauteil zu und bewerten gegen den heutigen Stand der MLAR und der Bauartgenehmigungen der Hersteller. Ergebnis ist eine Schott-Inventarliste mit Risiko-Ampel: grün (passt), gelb (nachbessern), rot (komplett ersetzen).

Weg 2 — Sanierung mit geprüftem System

Rote und gelbe Schotts werden mit aktuellen Hilti-Systemen ersetzt — und zwar so, wie wir sie auch im Neubau einbauen würden. Mit vollständiger Doku und Schott-Pass rückwirkend. Der Bestand bekommt damit eine Doku, die er nie hatte.

Weg 3 — Sachverständigen-Stellungnahme

In Einzelfällen — etwa bei seltenen historischen Aufbauten oder denkmalgeschützter Substanz — kann eine sachverständige Stellungnahme den Bestand erhalten, statt zu ersetzen. Das ist die Ausnahme, nicht die Regel. Wirtschaftlich lohnt es sich meist nur, wenn der Eingriff teurer wäre als der Sachverständige.

In allen drei Wegen gilt: Wir bauen auch fremde Schotts sauber zu Ende. Ein bestehender Verschluss aus einem anderen Gewerk, der seinen Pass nicht hat, ist keine schöne Übergabe — aber er ist ein Sanierungsgegenstand, kein Tabu.


Wo Brandschutz auf andere Gewerke trifft

Die meisten Brandschotts entstehen, weil ein anderes Gewerk eine Leitung verlegt hat. Damit hängt Brandschutz an folgenden Punkten direkt mit drin:

  • Elektroinstallation: Jede neue Verteilung, jede Steigleitung erzeugt Durchbrüche an Geschossdecken und Schachtwänden. Wer hier nicht Schott-fähig denkt, baut sich Probleme in die Bauabnahme.
  • Netzwerktechnik: Kabelbündel mit 20 oder 40 Datenleitungen, die im Etagenwechsel durchgehen, sind ein klassisches Kabelschott. Beim Serverraum-Schott kommt zusätzlich der Funktionserhalt sicherheitstechnischer Anlagen ins Spiel.
  • Sicherheitstechnik: Alarm- und Kameraverkabelung quert in der Regel Brandabschnitte. Wer dort kein Schott setzt, fängt sich bei der DIN-VDE-0833-Abnahme einen Mangel ein.
  • KNX & Systemintegration: Busleitungen sehen unscheinbar aus — sie unterliegen aber denselben MLAR-Regeln wie jede andere Schwachstromleitung, sobald sie durch ein klassifiziertes Bauteil gehen.
  • Neubau & Sanierung: Bei einer Komplettsanierung ist Brandschott-Konzept ein eigener Punkt im Leistungsverzeichnis. Wer das auslässt, sucht später auf der Baustelle nach dem Verantwortlichen.

Häufige Fehler — kurz und ehrlich

Bauschaum statt Brandschutzschaum. Sieht aus, ist aber kein Schott. Im Brandfall ist der Verschluss weg, bevor jemand merkt, dass das Treppenhaus voll Rauch ist.

Schott eingebaut, aber nicht dokumentiert. Ohne Pass kein Schott. Im Schadensfall trägt der Ausführende die Beweislast.

Mischsystem ohne Kombi-Nachweis. Ein Kabel-Rohr-Mischschott ohne abG ist ein Nicht-Schott. Egal wie viel Mörtel drin steckt.

Bauteil-Klasse geraten statt geprüft. Wer „das wird schon EI60 sein” als Grundlage nimmt, baut auf eine Annahme. Im Streitfall hält die Annahme nicht.

Verwechslung MLAR ↔ MLüAR. Die MLüAR regelt Lüftungsanlagen, nicht Leitungsanlagen. Zwei Welten, zwei Richtlinien.


Fazit

Brandabschottung ist kein Beiwerk und kein Bauschaum-Thema. Sie ist Bauteil — mit Nachweis, mit Schulung, mit Doku. Wer das ernst nimmt, schützt nicht nur Menschen im Brandfall, sondern auch sich selbst gegen Haftungsfragen. Wer es nicht ernst nimmt, riskiert beides.

Wir bauen Brandschotts mit Hilti Firestop, geschult nach Hilti Professional und dem DIBt jährlich gemeldet — Neubau, Bestandssanierung, Kombischott, Dokumentation. Auch fremde Schotts machen wir sauber zu Ende. Das Objekt soll bei der Übergabe einen Schott-Pass haben, den auch ein Versicherer akzeptiert.

Mehr zur Substanz unter Brandschutz & Brandabschottung. Fragen oder konkretes Objekt? Kontakt oder direkt anrufen unter 06202 9530190.


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Tobias Dietrich

Elektromeister, Hilti Professional

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